Josette Cole: Behind and Beyond the Eiselen Line -II- Lindy Wilson: Crossroads

Josette Cole: Behind and Beyond the Eiselen Line“On a rainy evening in early March 1982, fifty-seven men and women, accompanied by fourteen children, arrived at St. George’s Cathedral in the centre of Cape Town. They came looking for a safe place, a place of refuge where they could pray, fast, and seek relief from reach of an apartheid government intent on hounding, arresting, and deporting them to the former Transkei ‘homeland’. Those who came to the Cathedral that evening were part of a wider group of black (African) women and men living ‘illegally’ on a sliver of land located on the edge of Old Crossroads in Nyanga (Nyanga Bush) since early 1981, all wanting ‘passes and places to stay’ in Cape Town.”
(Josette Cole: Behind and Beyond the Eiselen Line. Cape Town, St. George’s Cathedral Crypt Memorial and Witness Centre 2012. S. 1)
Der hier skizzierte “Fasten-Protest” stellt nur einen Moment im jahrelangen, und im Grunde bis heute andauerenden, Kampf der African people um sichere Wohn- und Arbeitsbedingungen in und um Cape Town dar. Um diesen Moment zu kontextualisieren, arbeitet Josette Cole mit Unterstützung von Studierenden einzelne Vor- und Nachgeschichten auf; das aufwändig gestaltete Buch setzt 1950, mit der Ziehung der sog. “Eiselen Line” ein: Unter der Leitung des gelernten Anthropologen und Minister “of Native Affaires” Werner Eiselen wird die sog. “Coloured Labour Prference Policy” (CLPP) installiert; diese Einwanderungskontrolle zielt darauf ab, die Möglichkeit der Niederlassung von African people in urbanen Gebieten der westlichen Hälfte des Western Capes drastisch zu limitieren, mehrheitlich gänzlich zu verunmöglichen. “The CLPP placed limits on the number of African people who could access jobs, housing, land, education and wider social opportunities. It specifically targeted African women because, Dr Eiselen argued, allowing black women to live in the urban areas was viewed as a key block for consolidating urban settlememnt and family life.” (ebda., S.2). Die “Eiselen Line” zog eine imaginäre Berliner Mauer zwischen West und Ost im Western Cape. Gewaltsame Vertreibungen, Räumungen, “Umsiedelungen” folgten. Fernab von den überwiegend männlich geprägten ANC- und PAC-Heldengeschichten zeichnet Cole die Widerstände und Kämpfe, die sich ab 1975 intensivierten, der Frauen fernab organisierter Parteikontexte gegen diese Verordnung und deren Folgen nach. Dabei kommen zahlreiche Zeitzeug_innen und Aktivistinnen zu Wort. So etwa Sarita Stern, “Caring Officer” der St. George Cathedral, und gemeinsam mit Ted King, einem Pfarrer, eine der ersten, die die Gruppe der in der Kathedrale Schutz-suchenden Demonstrant_innen sah: “And Ted King looks at them and says ‘What’s … going on?’, you know. And someone – I don’t remember who – said, ‘We’re coming to fast.’ And Ted said ‘To fast? Sorry, you’re – what, we can’t look after you.’ And i remember myself – and I don’t even know until this day where it came from. I just, you know, I heard my voice say ‘Don’t worry, I’ll do it.’” (ebda., S. 58f)
Der 23tägige, strapazenreiche Hungerstreik hatte bedingt Erfolg; er generierte mediale Aufmerksamkeit, zwang die lokale Regierung zu Gesprächen und Konzessionen, veränderte jedoch nicht die Grundlinien der Niederlassungs- und Arbeitsgesetzgebungen der Apartheids. Gewaltsame Vertreibungen, Räumungen, “Umsiedelungen” waren weiterhin business as usual.
Das Buch begleitet die Ausstellung “Bearing Witness: 1982 Nyanga Squatter Story”, die am 23. September 2012 in der St. George’s Cathedral eröffnet wurde.

Dem Thema der Housing-Policy des Apartheids-Regimes widmet sich auch der 1978 gedrehte Dokumentarfilm “Crossroads” von Lindy Wilson.
” (…) 20.000 people live in 3.000 shacks. ‘Crossroads’ exists because african contract workers in Cape Town want to live with their families. It is against the law to do so, but they squat here together (…) Crossroads is to be demolished by the government before the end of this year. 200.000 squatters live like this, in and around Cape Town.”
So der einführende Off-Kommentar des 35minütigen Dokumentarfilms. In Crossroads, einem Township in der Nähe von Cape Town, durften nicht mit Rechten ausgestattete Menschen, sondern lediglich “labour units” leben; Männer – getrennt von ihren Freund_innen und Familien -, die in Cape Town “legal” als billige migrant worker ausgebeutet wurden.

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An diesem konkreten Beispiel schildert der Film einen politisch-ökonomischen Grundpfeiler des Apartheidssystems und den Widerstand der Menschen dagegen. Der Film, meist unterlegt mit Kaufhausmusik, versammelt u.a. Bilder aus dem täglichen Leben in Crossroads, Aufnahmen von dessen wiederholter Zerstörung (“bulldozed”), Interviews mit dort lebenden Frauen, Archivfotos aus der Vorgeschichte des Townships und zwei ziemlich skurille Talking Heads: einen Wissenschafter und einen Juristen, die die Geschichte und Gesetzeslage um Crossroad rezitieren. Mit diesen Versatzstücken werden nicht nur die Housingpolicy ebenso wie ökonomisch-politische Strategie des Apartheidstaates in den 1960er- und 70er-Jahren pointiert, sondern auch die tagtägliche Widerspenstigkeit der dort lebenden Menschen.

 

 

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