Hegel, Wimmer, Graneß

Nochmal Hegel:

“Es muß die Forderung als gerecht zugestanden werden, daß eine Geschichte – es sei von welchem Gegenstande es wolle – die Tatsachen ohne Parteilichkeit, ohne ein besonderes Interesse und Zweck durch sie geltend machen zu wollen, erzähle. Mit dem Gemeinplatze einer solchen Forderung kommt man jedoch nicht weit. Denn notwendig hängt die Geschichte eines Gegenstandes mit der Vorstellung aufs engste zusammen, welche man sich von demselben macht. Danach bestimmt sich schon dasjenige, was für ihn für wichtig und zweckmäßig erachtet wird, und die Beziehung des Geschehenen auf denselben bringt eine Auswahl der zu erzählenden Begebenheiten, eine Art, sie zu fassen, Gesichtspunkte, unter welche sie gestellt werden, mit. (…) Die Wissenschaft der Philosophie hat (…) den Nachteil gegen die anderen Wissenschaften, daß sogleich über ihren Begriff, über das, was sie leisten solle und könne, die verschiedensten Ansichten stattfinden. Wenn diese erste Voraussetzung, die Vorstellung von dem Gegenstande der Geschichte nicht ein Feststehendes ist, so wird notwendig die Geschichte selbst überhaupt etwas Schwankendes sein und nur insofern Konsistenz erhalten, wenn sie eine bestimmte Vorstellung voraussetzt, aber sich dann in Vergleichung mit abweichenden Vorstellungen ihres Gegenstandes leicht den Vorwurf von Einseitigkeit zuziehen.”

Hegel spricht in seiner einleitenden Vorlesung zur Geschichte der Philosophie, die er erstmals 1805/06 hält, von einem Umstand, der grundlegend für – nicht nur, aber auch – postkoloniale Geschichtstheorie werden wird: Es gibt keine objektive, nicht selektive, von Interessenstopographien befreite Geschichtsschreibung. Jede Gegenwart erfindet ihre Vergangeneit neu. (1) Ausserdem unterstreicht er, dass der Begriff der Philosophie selbst Gegenstand der Philosophie ist. Philosophie setzt Philosophie voraus. Sie ist schon am Werk, wenn sie daran geht, sich selbst zu bestimmen. Die “Vorstellung” über den Gegenstand konstituiert ihn. Dieser zirkulären Struktur kann niemand entkommen – auch Hegel nicht.
Im Wesentlichen bestimmen vier Elemente die “Vorstellung” Hegels von Philosphie: 1/ Philosphie im engeren Sinne entstand im antiken Griechenland in Absetzung zum Mythos (2). 2/Sie sei nur schriftlich möglich. 3/ Sie verfährt logisch-kritisch im Sinne des europäischen Ideals und 4/ sie findet im akademischen Feld statt.
Universalisierter Eurozentrismus, der bereits vielfach und nachhaltig Kritik erfahren hat, dessen harte und gewalttätige Stereotype und Vorurteile sich bis heute – ohne Hegel gänzlich in Schutz nehmen zu wollen, immerhin eine Zeit, die über unvergleichlich mehr Wissen über die Welt und den globalen Süden verfügt  -  hartnäckig halten und wirksam sind.
Kein Wunder, das bei diesen “Vorstellungen” “afrikanische Philosophie”  auf Hegels Karte  nicht vorkommt; nicht nur ihr wird jegliche Existenzmöglichkeit abgesprochen; Hegels konstruiert einen “afrikanischen Charakter”, indem “nichts an das Menschliche Anklingende” zu finden sei. Hegels Abschlusskommentar zu Afrika, in dem er dem Kontinent noch im Vorbeigehen seinen Norden entreisst (!), lautet: „Wir verlassen hiermit Afrika, um späterhin seiner keine Erwähnung mehr zu thun. Denn es ist kein geschichtlicher Welttheil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen, und was etwa in ihm, das heißt in seinem Norden geschehen ist, gehört der asiatischen und europäischen Welt zu (…), was wir eigentlich unter Afrika verstehen, das ist das Geschichtslose und Unaufgeschlossene, das noch ganz im natürlichen Geist befangen ist, und das hier bloß an der Schwelle der Weltgeschichte vorgeführt werden mußte.“

Franz Wimmers zusammenfassender Kommentar zu Hegels Philosophiegeschichte:

“Es handelt sich um die ausgebreitete Beschreibung einer Vision von Identität. Es handelt sich nicht um die Beschreibung oder die gedankliche Durchdringung der Vielheit menschlicher Denkformen. Aus diesem Grund ist Hegels Darstellung der Philosophiegeschichte abzulehnen: nicht, weil er dies und jenes nicht gewußt, weil er in diesem oder jenem Detail geirrt hat – was allerdings auch wiegt -, sondern weil er sich überhaupt nicht der Möglichkeit des Anderen aussetzen wollte; und weil dies eine Haltung ist, die nur mit Mitteln des Imperialismus (und Rassismus, Anm. J.K.) aufrechtzuerhalten ist. Es handelt sich um einen Kraftakt, der ins Leere geht, wenn ringsherum Neues und Anderes entsteht. Die leidige Frage etwa, die sich aus Hegels Überlegungen zuweilen ergeben hat, ob denn nun alles zu Ende und nichts wirklich Neues mehr zu erwarten sei, ist lediglich konfus: hätte Hegel dergleichen gedacht, so sind diejenigen zu bedauern, die meinen, es darum auch schon ernstnehmen zu sollen. Es geht aber nicht nur um die Menschheit nach Hegel, es geht auch um diejenige vor ihm (…).”

Vorurteile und Rassismen wie bei Hegel sind in modifizierter Form bis heute anzutreffen, wie z.B. folgendes Zitat aus der jüngeren Vergangenheit (1994) zeigt:

„Sie heißen Kagame, Towa, Ntumba, Mbiti, Oruka, Bodunrin, Hountondji, Sodipo, Wiredu oder Nkrumah. Sie stellen Theorien auf, schreiben Bücher, lehren an Universitäten, diskutieren auf Symposien in aller Welt. Sie stammen aus Ghana, Nigeria, Benin, Zaire, Senegal, Kenia und Ruanda. (…) Sie verstehen sich als afrikanische Philosophen. Sie wollen Gott und die Welt und vor allem sich selbst unter neuen Blickwinkeln sehen. (…) Inhaltlich aber, substantiell, ist so etwas wie afrikanische Philosophie nicht in Sicht, nicht einmal, wenn man den ohnehin nachgiebigen Philosophiebegriff ins Beliebige ausdehnt.“ (3)

Dies zitiert Anke Graneß in dem Text “Afrikanische Philosophie – Philosophie in Afrika?” . Graneß, die dieses Semester unter ähnlichem Titel eine Vorlesung am Institut für Philosphie der Universiät Wien hält (die Anlass und Grundlage für diesen Artikel war), unterzieht diese Ansätze/Meinungen/Denkfiguren der Kritik, v.a. indem sie die Debatte nach der “Frage nach der Universalität von Philosophie einerseits bzw. der Art und Weise ihrer kulturellen Gebundenheit andererseits” nachzeichnet und reflektiert.

Hier noch die Literaturliste von Anke Graneß zu ihrer Vorlesung “Philosophie in Afrika – eine Einführung – Ein Überblick vom Alten Ägypten bis zur Gegenwart” am Institut für Philosphie der Universiät Wien, SoSe 2012. Und hier eine weitere mit Links zu Volltexten.

 

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(1) stellvertretend für eine ganze Bibliothek zu diesem Thema: Valentin Groebner: Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen. München 2008.

(2): Zitat Hegel: “Die eigentliche Philosophie beginnt im Okzident. Erst im Abendlande geht diese Freiheit des Selbstbewußtseins auf, das natürliche Bewußtsein in sich unter damit der Geist in sich nieder. Im Glanze des Morgenlandes verschwindet das Individuum nur; das Licht wird im Abendlande erst zum Blitze des Gedankens, der in sich selbst einschlägt und von da aus sich seine Welt erschafft.”

(3) Willy Hochkeppel: Philosophie. Eine Kolumne. Afrikanisches Philosophieren? In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Vol. 48(4), 1994, S. 335f. und S. 341.

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