J. M. Coetzee: Disgrace

Düster und dystopisch: J.M. Coetzees Roman „Disgrace“ (1999)/ „Schande“/Schändung (2000) spielt in der Postarpartheids-Ära. David Lurie, 52jähriger Professor für Literatur in Kapstadt und Byron-Experte, verliert aufgrund einer Affaire mit einer Studentin seine Arbeit. Er versucht auf der abgelegenen Farm seiner Tochter, Lucy, Ruhe zu finden, „to gather himself, to gather forces“ , findet sich jedoch selbst zunehmend „out of place“, „losing himself day by day.“ Als die Farm von drei vermutlich (lediglich aus dem Kontext abzuleiten) schwarzen Männern überfallen und Lucy vergewaltigt wird, kann David ihr nicht helfen; er kommt selbst nur knapp mit dem Leben davon. Als Leser_in begleitet man ihn, wie er fortan nur noch mehr torkelt, er, der sich stark, abgeklärt und kühl gibt – nicht zuletzt vor dem universitären Komitee, vor dem er sich für die Affäre mit der Melanie Isaacs, die Lurie in „Melàni“ – die Schwarze – umbenennt, zu verantworten hat. Lurie verweigert es, vor dem (halb-)öffentlichen Ausschuß Reue zu zeigen; Reue sei „beyond the scope of the law“.
Zur Privatangelegenheit erklärt letztlich auch seine Tochter die Vergewaltigung; sie weigert sich dies, wie ihr Vater, als symbolische Reparation der Repressions-Geschichte/Vergangenheit zu lesen („the day of a testing“), als auch die Polizei einzuschalten. Jane Poyne in „Coetzee and the Paradox of Postcolonial Authorship“ pointiert:

„We should not miss the irony that Lucy makes the same claims to privacy rights as her father at the disciplinary hearing nor the fact that the crime committed against her will never go to court. If the effect of guarding the right to privacy in Lucy’s case is seemingly to protect her attackers from the law [for the sake of peace, Anm. J.K], in Lurie’s the reverse is true: his obdurate refusal to express remorse only mires him deeper in his disgrace. (S. 159)“

Coetzees Roman kreist um ineinander verwobene Motive, Konzepte und Möglichkeitsbedingungen von Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Rache, Friede, Vergebung, Wiedergutmachung, Reue(-bekenntnis) nach Repression und Gewalterfahrungen im öffentlichen wie privaten Raum; er verweigert, Antworten zu geben, Lösungen – geschweige denn einfache – anzubieten.

„Rather than offering an alternative to public confession, the novel rejects authentic truths in the public sphere of the University Committee hearings (and by analogy the TRC) and in the private realm of Lurie’s self-doubt because neither institutional nor individual truths, the narrative warns us, can be properly tested. (S. 165)“

„Disgrace“ reiht sich in das Genre der „TRC narratives“, die seit dessen Bestehen seine Möglichkeitsbedingungen und Vorgehensweisen literarisch verhandeln, z.B: Nadine Gordimer: The House Gun (1998), Achmat Dangor: Bitter Fruit (2001), Ndebele Njabulo: The Cry of Winnie Mandela (2003).
In der Laudatio zum Literaturnobelpreis, den Coetzee 2003 bekam, heisst es:

„You are a Truth and Reconciliation Commission on your own, starting with the basic words for our deepest concerns. Unsettling and surprising us, you have dug deeply into the ground of the human condition with its cruelty and loneliness. (…), in a prose of icy precision, you have unveiled the masks of our civilization and uncovered the topography of evil.”

Unter diese Zeilen passt ebenso Coetzees „Waiting for the Barbarians“ (1980), dessen Ich-Erzähler, ein jahrzehntelang loyaler Magistrat einer Stadt am Rande eines Großreiches, Zeuge der Brutalität der Staatspolizei gegen die das Reich vermeintlich bedrohenden „Barbaren“, wird. Seine Loyalität bröckelt fortan, er selbst wird als Verräter gebrandmarkt, eingesperrt, gefoltert. Hier lediglich Zitate aus dem Roman, aus denen jedoch einzelne motivische Grundlinien hervor gehen.

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