Klaas und Trooi Pienaar

Pressetext der Österreichischen Akademie der Wissenschaften:

//
Österreich gibt sterbliche Überreste südafrikanischer
Ureinwohner aus öffentlichen Sammlungen an Südafrika zurück
Feierliche Zeremonie am 19. April 2012

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der südafrikanischen Botschaft in Wien werden die sterblichen Überreste des Ehepaares Klaas und Trooi Pienaar am 19. April 2012 dem stellvertretenden südafrikanischen Minister für Kunst und Kultur, S. E. Dr. Joseph Phaahla, übergeben. Nach zwei Rückgaben von Gebeinen indigener Personen aus Australien setzt die Republik Österreich damit einen weiteren Schritt des gegenseitigen Respekts.

Klaas und Trooi Pienaar, Angehörige der indigenen Gemeinschaft der San in Südafrika, waren Ende 1909 kurz nach ihrem Tod von einem Mitarbeiter des bekannten österreichischen Arztes, Anthropologen und Ethnographen Rudolf Pöch aus ihrem Grab auf einer Farm nahe Kuruman exhumiert worden. Die Proteste von Angehörigen blieben unbeachtet bzw. wurden unter Androhung von Gewalt unterdrückt. Die Verschiffung der beiden Leichen nach Österreich-Ungarn erfolgte unter Umgehung der damaligen südafrikanischen Gesetzeslage und führte zu einer polizeilichen Untersuchung. Pöch musste seine von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanzierte Forschungsexpedition deshalb höchstwahrscheinlich vorzeitig abbrechen. Etwa 150 von ihm und seinen Mitarbeitern widerrechtlich und ohne ethische Bedenken akquirierte körperliche Reste von Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern im Südlichen Afrika wollte Pöch in Österreich der “Rassenforschung” zugänglich machen.

Seit dem Jahr 2000 wurden die Praktiken Pöchs in einem Forschungsprojekt kritisch untersucht (http://poech.fox.co.at/index.htm). Dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung war es in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein Anliegen, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften verwahrten Pienaar-Leichnamsreste (die als einzige namentlich identifiziert werden konnten) an Südafrika zurückzugeben. Anschließende bilaterale Gespräche führten Anfang 2012 zu einer Einigung, der zufolge Klaas und Trooi Pienaar nach Südafrika überführt und in Einklang mit traditionellen Gebräuchen der San erneut beigesetzt werden sollen.

Vertreter/innen der südafrikanischen San-Community, darunter der traditionelle Heiler Petrus Vaalbooi, werden am 17. April 2012 ein Ritual in kleinstem Kreis an der Akademie der Wissenschaften durchführen. Der Vizepräsident der Akademie, Univ. Prof. Dr. Arnold Suppan, wird die Särge dann der südafrikanischen Delegation unter Leitung des stv. Ministers Phaala übergeben. Da die Pienaars in die südafrikanische Provinz Northern Cape überführt werden sollen, wird auch die Landesrätin für Sport, Kunst und Kultur der Provinz Northern Cape, Frau P. J. Williams, der Gedenkfeier teilnehmen.

Eine feierliche Zeremonie findet am 19. April in der südafrikanischen Botschaft statt. Daran werden u.a. Sektionschefin Dr. Elisabeth Freismuth (Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung), Botschafter Dr. Martin Eichtinger (Leiter der Kulturpolitischen Sektion im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten), der südafrikanische Botschafter in Österreich, S. E. Xolisa Mabhongo und Vize- Minister Phaahla mit der südafrikanischen Delegation teilnehmen. Im Anschluss an diese Zeremonie werden die menschlichen Überreste von der südafrikanischen Delegation nach Johannesburg begleitet, von wo sie mit einem Helikopter der südafrikanischen Streitkräfte nach Kuruman gebracht und dort beerdigt werden.

Für die Regierung Südafrikas ist der Prozess der “Rehumanisierung” der Pienaars von großer Bedeutung. Er ist eines von mehreren Projekten der nationalen Versöhnung und Nationsbildung. Die menschliche Würde der Pienaars wurde so weit verletzt, dass sie nur als “Studienobjekte” behandelt wurden.

Diese Initiative soll die Überreste symbolisch “re-humanisieren” und sie von “Museumsobjekten” wieder zu “menschlichen Überresten” machen, denen Würde und Respekt zusteht. Ziel ist es auch, jene Personen, die von der Forschungstätigkeit Rudolf Pöchs betroffen waren, symbolisch zu versöhnen.

Die südafrikanische Botschaft dankt allen Institutionen und Persönlichkeiten, die auf österreichischer Seite den raschen Abschluss der Verhandlungen ermöglicht und dadurch auch zur Aufarbeitung geschehenen Unrechts beigetragen haben: im Besonderen dem Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, dem Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Naturhistorischen Museum sowie dem Dokumentations- und Kooperationszentrum Südliches Afrika. //

Bei “Radio Afrika” findet sich folgende, nicht unwichtige Ergänzung:

SADOCC hatte vor fünf Jahren in seiner Zeitschrift INDABA (Heft 54/07) (1) erstmals auf die unethischen Forschungspraktiken des berühmten österreichischen Anthropologen und Ethnologen Rudolf Pöch verwiesen. Wie die südafrikanischen Historiker Martin Legassick und Ciraj Rassool nachwiesen, hatte Pöch auf seiner Forschungsreise durch das Südliche Afrika 1908/09 etwa 150 körperliche Körperreste von südafrikanischen San (Skelette, Schädel sowie zwei vollständige Leichname) aus frischen Gräbern exhumieren und nach Österreich-Ungarn transportieren lassen. Dort sollten sie der “Rassenforschung” zugänglich gemacht werden. Proteste von Angehörigen und Farmern gegen diese Leichenschändungen wurden unter Androhung von Gewalt unterdrückt.”

Hier die offizielle, gemeinsame Presseerklärung aller beteiligten Organisationen.
Hier der Pressetext der südafrikanischen Regierung.
Hier die Einladung zur Veranstaltung der südafrikanischen Kulturministeriums anlässlich der Rückkehr der sterblichen Überreste von Klaas und Trooi Pienaar.
Hier ein “Times Live” Artikel vom 20. April u.a. mit O-Tönen des Kulturministers von Südafrika, Paul Mashatile, anlässlich der Rückkehr.

In Österreich befinden sich heute noch immer etwa 150 Leichen bzw. Leichenteile aus Südafrika, die – nicht nur von Pöch – in ähnlicher Weise (und im gleichen kolonialen Kontext) geraubt wurden. Dies kann somit nur der Anfang eines langes Prozesses von Rückführungen aus den Speichern österreichischer Museen und Wissenschaftsinstitutionen sein.

Vgl. dazu auch die Ereignisse/Reden rund um die “Rückführung namibischer menschlicher Gebeine aus der Zeit deutscher Kolonialherrschaft über Namibia und seine Völker, Berlin 26. September 2011 – 05. Oktober 2011″, dokumentiert auf der Website der Botschaft von Namibia.

Pressemitteilungen u.a. von: AfricAvenir International – Afrika-Rat Berlin-Brandenburg – Arbeitskreis Panafrikanismus München (AKPM) – Berlin Postkolonial – Deutsch-Afrikanische Gesellschaft Berlin (DAFRIG) – Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) unter  http://www.linkeblogs.de/?cat=2129

 

(1): Walter Sauer: Vom Handel mit menschlichen Gebeinen. in: INDABA (Wien), Heft 54/07.

This entry was posted in Allgemein, Geschichte - Erinnerung - Politik and tagged , , , . Bookmark the permalink.