J. M. Coetzee: Disgrace

Düster und dystopisch: J.M. Coetzees Roman „Disgrace“ (1999)/ „Schande“/Schändung (2000) spielt in der Postarpartheids-Ära. David Lurie, 52jähriger Professor für Literatur in Kapstadt und Byron-Experte, verliert aufgrund einer Affaire mit einer Studentin seine Arbeit. Er versucht auf der abgelegenen Farm seiner Tochter, Lucy, Ruhe zu finden, „to gather himself, to gather forces“ , findet sich jedoch selbst zunehmend „out of place“, „losing himself day by day.“ Als die Farm von drei vermutlich (lediglich aus dem Kontext abzuleiten) schwarzen Männern überfallen und Lucy vergewaltigt wird, kann David ihr nicht helfen; er kommt selbst nur knapp mit dem Leben davon. Als Leser_in begleitet man ihn, wie er fortan nur noch mehr torkelt, er, der sich stark, abgeklärt und kühl gibt – nicht zuletzt vor dem universitären Komitee, vor dem er sich für die Affäre mit der Melanie Isaacs, die Lurie in „Melàni“ – die Schwarze – umbenennt, zu verantworten hat. Lurie verweigert es, vor dem (halb-)öffentlichen Ausschuß Reue zu zeigen; Reue sei „beyond the scope of the law“. Continue reading

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Hegel, Wimmer, Graneß

Nochmal Hegel:

“Es muß die Forderung als gerecht zugestanden werden, daß eine Geschichte – es sei von welchem Gegenstande es wolle – die Tatsachen ohne Parteilichkeit, ohne ein besonderes Interesse und Zweck durch sie geltend machen zu wollen, erzähle. Mit dem Gemeinplatze einer solchen Forderung kommt man jedoch nicht weit. Denn notwendig hängt die Geschichte eines Gegenstandes mit der Vorstellung aufs engste zusammen, welche man sich von demselben macht. Danach bestimmt sich schon dasjenige, was für ihn für wichtig und zweckmäßig erachtet wird, und die Beziehung des Geschehenen auf denselben bringt eine Auswahl der zu erzählenden Begebenheiten, eine Art, sie zu fassen, Gesichtspunkte, unter welche sie gestellt werden, mit. (…) Continue reading

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writing back Africa

Zu „Völkern ohne Geschichte“ geraten bei Hegel jene, die in seiner geschichtsphilosophischen Konzeption nicht am „Prozess der Weltgeschichte“ beteiligt waren, die nichts zu ihrem Fortschritt beigetragen haben. Afrika wird von Hegel (der, wie zuletzt Susan Buck-Morss gezeigt hat, nicht (gänzlich) blind für zeitgenössische, außereuropäische Geschichte war) zu einem „Kontinent ohne Geschichte“ gestempelt, Geschichte – so Hegel – habe dort nie stattgefunden. Bei Oswald Spengler heißt es, dass „jene Völker“ bedeutungslos für die Weltgeschichte und im Grunde nur Teil der Naturgeschichte seien (1). Dass dies keineswegs bloß (vor)gestrige Denkmuster sind, sondern nicht zuletzt im deutschsprachigen, kolonialen, historischen Denken des 20. Jahrhunderts stark verankert sind, beweisen mitunter Kritiken zum „Mittelmeer“ von Fernand Braudel, etwa von Gerhard Ritter im Jahre 1958: Braudel verwische bewusst die Grenzen zwischen Geschichte und Anthropogeographie, „wenn er die Betrachtung typisch geschichtsloser Nomaden- und Bergvölker (…) in so breitem Umfang in seine historische Darstellung einbezieht.“ Den Gradmesser für eine Unterscheidung zwischen Völkern mit oder ohne Geschichte sieht Ritter im Element der „Kreativität“. (2)
Oder: Das Bildprogramm der Erdteilalegorien in der Aula der WU-Wien an – ein Beispiel von vielen, allerorten… Continue reading

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Khulumani – die Stimme erheben

Die 1995 gegründete “Khulumani Support Group” (khulumani: isiZulu für “die Stimme erheben”) betreibt Lobbyarbeit für Arpartheid-Opfer und beschäftigt sich insofern v.a. mit ungelösten und unerledigten Themen der TRC (Truth and Reconciliation Commission/Wahrheits- und Versöhnungskommission): Reperationsprogramme für Communities, die Verfolgung von Täter_innen, die keinen Amnestieantrag gestellt haben, die Suche nach verschwundenen Personen…; ausserdem führen sie Rechtsstreits mit multinationalen Konzernen, die der Arpartheid Beihilfe geleistet haben und daraus – auf Kosten von Arpartheidsopfern – immense Profit gezogen haben. Damit fordert Khulumani nicht nur beständig die staatliche Erinnerungs- und Geschichtspolitik heraus, sondern richtet den Blick auch auf die Rolle des globalen Kapitalismus und multinationaler Konzerne während und innerhalb des Arpartheidsregimes. Continue reading

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