writing back Africa

Zu „Völkern ohne Geschichte“ geraten bei Hegel jene, die in seiner geschichtsphilosophischen Konzeption nicht am „Prozess der Weltgeschichte“ beteiligt waren, die nichts zu ihrem Fortschritt beigetragen haben. Afrika wird von Hegel (der, wie zuletzt Susan Buck-Morss gezeigt hat, nicht (gänzlich) blind für zeitgenössische, außereuropäische Geschichte war) zu einem „Kontinent ohne Geschichte“ gestempelt, Geschichte – so Hegel – habe dort nie stattgefunden. Bei Oswald Spengler heißt es, dass „jene Völker“ bedeutungslos für die Weltgeschichte und im Grunde nur Teil der Naturgeschichte seien (1). Dass dies keineswegs bloß (vor)gestrige Denkmuster sind, sondern nicht zuletzt im deutschsprachigen, kolonialen, historischen Denken des 20. Jahrhunderts stark verankert sind, beweisen mitunter Kritiken zum „Mittelmeer“ von Fernand Braudel, etwa von Gerhard Ritter im Jahre 1958: Braudel verwische bewusst die Grenzen zwischen Geschichte und Anthropogeographie, „wenn er die Betrachtung typisch geschichtsloser Nomaden- und Bergvölker (…) in so breitem Umfang in seine historische Darstellung einbezieht.“ Den Gradmesser für eine Unterscheidung zwischen Völkern mit oder ohne Geschichte sieht Ritter im Element der „Kreativität“. (2)
Oder: Das Bildprogramm der Erdteilalegorien in der Aula der WU-Wien an – ein Beispiel von vielen, allerorten…

„Afrika wird nach wie vor mit dem zum Topos gewordenen Titel der 1902 erschienenen Kongo-Erzählung von Joseph Conrad, Herz der Finsternis, identifiziert und steht – explizit oder implizit – für das Gefährliche, Wilde, letztlich Irrationale. Derartige Konstruktionen des ‚Anderen“ sind immer auch Konstruktionen des ‚Eigenen’, sie spiegeln europäische Selbstbilder von Modernität und Rationalität. Im Blick auf das fremde Afrika entwirft Europa seine Identität. Afrika wird gewissermaßen auf seine – vermeintliche – Essenz reduziert, die gesellschaftliche und kulturelle Differenz als Ausdruck wesenhafter Unterschiede verabsolutiert. Afrika ist insofern eine Erfindung, wie der Philosoph Valentin Mudimbe 1988 ausgeführt hat.“

– schreibt Winfried Speitkamp in seiner „Kleinen Geschichte Afrikas“ (3). (Nichts Neues zwar, viele v.a. Denker_innen von Postkolonialität ließen sich hier zitieren, die sich eingehend damit beschäftigt haben…)
Demgegenüber stehen neuere (Forschungs-)Ansätze, die sich um eine veränderte Perspektive bemühen; Speitkamp nennt fünf Aspekte:
1. Transnationale Ansätze überwinden nationale und kontinentale Verengungen und richten den Blick auf Transfer und Austausch, auf Wechselwirkungen und Vernetzungen. „Afrika entsteht dabei ebenso wie Europa erst in einem vielfältigen Beziehungs- und Kommunikationsgeflecht, das in vorkoloniale Zeit zurückreicht.“ (S. 11) „Afrika“ ist Teil einer Universalgeschichte, aus der es lange aus Unkenntnis und Missachtung ausgeklamemrt wurde.
2. Postkoloniale Ansätze versuchen dominierende eurozentristische Sichtweisen umzukehren. „writing back“: Das Objekt fremder Beherrschung soll wieder zum Subjekt seiner eigenen Geschichte werden, Autonomie und Würde zurück gewinnen.
3. Neue Modelle der Erklärung sozialer und politischer Beziehungen: „Auch unsymetrische Beziehungen wurden verstärkt als Ergebnis von Aushandlungsprozessen gedeutet. (…) So hatten auch die Unterworfenen Spielräume, sie konnten durch ihr Verhalten ihr Gegenüber beeinflussen und waren in dieser Sicht selbst in der Kolonialzeit Subjekte ihrer Geschichte. (siehe dazu etwa auch Ranjit Guha und seine Auseinandersetzung mit dem „indischen Bauer“ als subversives, untrennbar mit der Moderne verbundenes Subjekt.)
4. Neue Zugänge zum „Raum“ in der Geschichtswissenschaft: Grenzen werden als „contact zones“ gelesen, Karten als nicht objektive Gegebenheiten, sondern Sichtweisen, Deutungen und kulturelle Raumnutzungen – mental maps.
5. „Fünftens spielen bei der Imagination und Konstruktion von Räumen kollektive Erinnerungen eine zentrale Rolle. Erinnerungskulturen, das heißt Formen, in denen Gesellschaften ihre Vergangenheit erinnern und um gemeinsame Geschichte streiten, materialisieren sich im Raum, den sie zugleich erfinden wie besetzen. Das gilt gerade für Afrika, dessen Einheit als Kontinent nicht zuletzt durch zwei bedeutende kollektive Traumata bestimmt ist, nämlich den transatlantischen Sklavenhandel und die europäische Kolonialherrschaft. Diese bündeln die Erinnerung und kreieren ein spezifisch afrikanisches kollektives Gedächtnis. Die derart ausgerichtete kontinentale, identitätsbegründende Erinnerungskultur überlagert vielfältige regionale Erzählungen über Sklaverei und Verschleppung ebenso wie lokale Erinnerungen an die koloniale Begegnung, an Herrschaft und Gewalt, an Selbstbehauptung und Widerstand. Auch in dieser Perspektive war Afrika ein Raum der Begegnungen, seien sie intra- oder transkultureller Art. Dabei wurde der Kontinent beständig neu gedacht, entworfen und gestaltet, wurden Grenzen – soziale, ethnische, religiöse oder territoriale – immer neu gezogen, folglich auch Verbindungen immer neu konstruiert.“ (S. 12)

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(1) meine biographisch erste Quelle war in diesem Zusammenhang ein Vorlesungsskript von Franz Martin Wimmer: Geschichte der Geschichtsphilosophie. Teil 2: 19. Jahrhundert, Wien 1992. S. 50f.)

(2) Gerhard Ritter: Leistungen, Probleme und Aufgaben der internationalen Geschichtsschreibung. Zur neueren Geschichte (16.-18. Jahrhundert), in: ders.: Lebendige Vergangenheit. München 1958. 262.

(3) Winfried Speitkamp: Kleine Geschichte Afrikas. Stuttgart 2009, S. 10.
(Zur Rezeptionsgeschichte von Conrads Roman – etwa H. G. Wells Adaptionen – siehe das absolut lesenswerte Buch von Sven Lindqvist; das Werk von Mudimbe, das Speitkamp anspricht ist: Valentin Y. Mudimbe: The Invention of Africa: Gnosis, Philosophy, and the Order of Knowledge. Bloomington 1988.

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